WM-Debakel: Wieso Deutschlands Team keine Chance hatte!

Fussball Weltmeisterschaft DFB-Debakel 2018 DeutschlandDie Fussball Weltmeisterschaft ist für uns gelaufen – Deutschland ist raus! Wie konnte das geschehen?

Dieses Desaster auf die Selbstherrlichkeit des Teams zu schieben, wäre, für meinen Geschmack,  zu einfach. Denn selbstherrlich wirkte diese Elf nicht – viel eher tief enttäuscht und völlig ratlos darüber, warum es ihnen nicht gelungen ist, miteinander tatsächlich Fussball zu spielen.

Jogi Löw sagte in einem der ersten Interviews nach dem Korea-Desaster: „Das Team hat nie ins Spiel gefunden“.

Er hat absolut Recht – aber eben doch wieder nicht. Denn die eigentliche Frage ist doch: War das denn überhaupt ein Team?
In einem funktionierenden Team gibt es ein Ziel, das begeistert, und das für jeden Sinn macht. In einem funktionierenden Team ist sich jeder der Verantwortung auf seiner Position bewusst und es muss Leader geben, welche die Entscheidung übernehmen, diese Arbeitsleistung final ganz klar in das erwünschte Ergebnis umzumünzen.

Die Voraussetzung für ein funktionierendes Team ist Vertrauen in sich selbst und in den Kollegen, dass er an der Position ist, wo er sein Können am besten einbringen kann, und dafür Verantwortung übernimmt. Das man sich auf ihn verlassen kann. Ist dieses Vertrauen da, und ein Ziel, für dass es sich lohnt vorwärts zu gehen, entsteht, so ganz nebenbei eines: Spaß! Gemeinsam an einem Ziel zu arbeiten, mit einem Team, auf das man sich verlassen kann, macht Spaß!

In Bezug auf unsere Nationalmannschaft brachte genau diesen mangelnden Teamgedanken Julian Draxler auf den Punkt:

„Das Gefühl zu haben, dass wir Spaß an der Sache haben, das hat uns diesmal gefehlt.“

Es herrschte eher „spielerische Tristesse“ wie die ‚Welt‘ schreibt.
Die Spieler wirkten unharmonisch und planlos im Spiel. Die Gründe hierfür sind sicher unter anderem in den unterschiedlichen Persönlichkeiten der Spieler zu finden. Die Nationalmannschaft ist neu zusammengewürfelt worden und die Spieler hatten wenig Zeit, sich zu finden. Um diesen Findungsprozess abzukürzen,  hätte es sicher geholfen, wie 2007 bei der siegreichen Handball WM unter Heiner Brand, tatsächlich zu analysieren, was jeder Spieler individuell braucht, um Höchstleistungen zu bringen. Offensichtlich ist dieses Chance verpasst worden.

Ganz sicher hat darüber hinaus, jedoch die Debatte um die Erdogan-Fotos von Ilkay Gündogan und Mesut Özil, ihr Übriges dazu getan, Unruhe und Frust ins Team zu bringen. Thomas Müller fand hierzu deutliche Worte: „Wenn du Weltmeister bist, dann stehst du unter besonderer Beobachtung und musst dich mit vielen Dingen auseinandersetzen, die gar nichts mit dem Fußball zu tun haben.“

Aber muss man diesen Druck als Profispieler nicht trotzdem aushalten?

Hätte die Mannschaft bei dieser Weltmeisterschaft nicht trotzdem was reißen müssen? Wir hatten schließlich elf begabte Spieler auf dem Platz…. . Der ‚Spiegel‘ schreibt über das Korea-Spiel: „Selten hat man diese begabte deutsche Mannschaft so unkreativ erlebt wie in diesen 90 Minuten von Kasan.“
Ist Begabung also nicht ausreichend, um ein Ziel zu erreichen?
Wie man an dieser Mannschaft sehen kann, ist es das definitiv nicht! Selbstverständlich muss hier, wie in jedem anderen Team auch, die „Hardware“ stimmen – d.h. das Teammitglied sollte das, was es da macht auch gut können. Aber was man an dieser Nationalelf schön sehen konnte war, dass elf einzelne Talente eben a.) noch lange kein Team sind und b.) auch nichts reißen können, wenn sie sich nicht gegenseitig unterstützen und sich nicht voll vertrauen. Einen guten Teamgeist, der in Brasilien ein Schlüssel für den Erfolg war, gab es in Russland jedenfalls scheinbar nicht.

Das, was meines Erachtens nach am meisten fehlte, war ein Profi, der bereit war, Verantwortung zu übernehmen.

Es gab in allen drei Spielen keinen Leader, keinen Spieler, der ein Zeichen setzte. Typen wie es Philipp Lahm, Miroslva Klose oder Bastian Schweinsteiger bei der Weltmeisterschaft in Brasilien 2014 waren, fehlten dieses Mal.
Kein Spieler war bereit,  das Heft des Handelns in die Hand nehmen zu wollen. Ein motiviertes, begeistertes Team braucht jedoch jemanden, der die Verantwortung übernimmt, und Entscheidungen auf dem Platz trifft. Einen Leader, der anführt, zum Erfolg. Jemanden wie Bastian Schweinsteiger, der mit leuchtenden Augen 2014, bei der WM in Brasilien erzählt, wie er den Sieg geplant hat, und der dafür brennt, diese Vision in die Realität umzusetzen. Es ist ihm geglückt. Weil er so mutig war, eine der Führungsrollen zu übernehmen, und weil sein Team so mutig war ihm zu vertrauen.

Aber in Brasilien war noch etwas anders.

Löw setzte auf Beständigkeit. Boateng, Hummels, Höwedes, Lahm, Schweinsteiger, Kroos, Özil, Klose und Müller waren nahezu in jedem Spiel die Basis und wurden ergänzt durch Khedira, Götze und Mertesacker. Diese Beständigkeit führte zu mehr Sicherheit im Zusammenspiel.
In dieser WM setzte Löw in drei Spielen auf drei komplett unterschiedliche Aufstellungen und führte so zu spürbar noch größerer Verunsicherung. Wie soll sich eine Mannschaft bei diesem ständigen Change finden?
Während die Gegner oft das Spielfeld mit drei oder vier Spielzügen überwunden haben, brauchten unsere Spieler mit ihrem unsicheren hin, her und zurück teilweise mehr als zehn Pässe, bis einer sich traute, einen Abschuss zu wagen. Zeit genug für die gegnerische Abwehr sich zu formieren und den Angriff abzuwehren. Ein bisschen weniger Change in der Aufstellung und dafür mehr Beständigkeit wäre sicherlich sinnvoll gewesen, um ein bisschen Routine ins Zusammenspiel bringen zu können.

Aber, wie Lothar Matthäus so schön zitierte:

“Wäre, wäre Fahrradkette… oder so ähnlich“ 😉

Nach dem Fussball ist vor dem Fussball und wenn Jogi Löw für die Europameisterschaft 2020 beherzigt, sich ein Team zusammenzustellen, das eine Vision hat, das sich kennt, weiß, wie es sich motivieren kann, dann  ist das schon die halbe Miete. Wenn er darüber hinaus Personen mit dabei hat, die bereit sind sich als Leader auf dem Platz zu qualifizieren, dann haben wir wieder alle Chancen, begeisternden Fussball zu spielen.

Erfolg braucht Motivation, Vertrauen und Begeisterung!

Und wer, wenn nicht einer der größten Kindheitshelden meiner Kinder hat die Losung für die Europameisterschaft 2020 auf den Punkt gebracht „Yo, wir schaffen das!“ (Bob der Baumeister – entliehen von Angela Merkel 😉 )

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen wunderbaren Sommer und freue mich über Ihre Kommentare.

Herzlichst
Ihre
Carolin Amerling